Sommerkurse
und ihre Bedeutung für Kunst und Kunstverständnis
Kurse statt Ferien
Wie
wichtig sind Sommerkurse und können Unterrichtserfahrungen aus einem
zeitlich derart befristeten Kurs sich überhaupt positiv auswirken?
Es ist eine traurige Tatsache, dass Kunst und Musik in unserer Gesellschaft
zunehmend zu einem Zuschauersport werden. Ein Instrument selbst in die
Hand zu nehmen, ein Lied zu komponieren, ein Bild zu gestalten, wird immer
seltener.
In Kursen, wie die in den Arnsberger Ateliers, sich mit anderen zu messen
oder gemeinsam etwas Neues entstehen zu lassen. Für viele ist das
ein Teil des Berufs- oder sogar Selbstfindungsprozesses. Und die Begegnung
mit einer Kunstform kann helfen, die Hemmschwelle ins Theater, ins Konzert
oder in eine Ausstellung zu gehen, zu überwinden.
„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ Karl Valentin
Durch die Medien, die uns sehr stark beeinflussen, und Sendungen wie „Deutschland
sucht den Superstar, wird suggeriert, dass Erfolg im künstlerischen
Bereich nur eine Frage vom richtigen Outfit , vom Glück oder von
Dieter Bohlen als Produzent oder als Talentsucher abhängig ist.
In solchen Kursen, wie sie hier in Arnsberg reichlich angeboten werden,
erfährt man, dass mindestens 70% der Kunst Handwerk ist. Dieses Handwerk
entwickelt man durch die ständige Wiederholung, also durch das Üben.
Der Musiker übt hauptsächlich,allein, viele Stunden am Tag,
welches zu mehr Eigenständigkeit und Disziplin führt. Auch der
nichtprofessionelle Künstler lernt zu schätzen, was hinter einer
künstlerischen Disziplin steht.
In Zeiten leerer Kassen ist leider das Erste, das Kürzungen unterliegt,
die Kunst. Alle Investitionen müssen sich konkret„lohnen“,
sich bezahlt machen. Nur kommerzielle Unternehmen können sich in
Kunst und Musik behaupten, denn sie richten sich an die breite Masse und
erzielen damit wiederum Umsatz.
Wenn ein Kind seine erste Töpferarbeit aus Ton gestaltet, ein älterer
Herr noch im Chor Tenor singt, ein Schülerin ihre erste Pirouette
dreht, was ist der Wert dieser Leistung?
Fachliche Qualifikationen sind selbstverständlich eine Voraussetzung.
Aber mit der zunehmenden Konkurrenz spielen zusätzliche Fähigkeiten
und Erfahrungen eine immer größere Rolle bei Bewerbungen in
fast allen Berufen. Wer beispielsweise Basketball spielt, gilt als Teamfähig,
wer musiziert als diszipliniert, wer töpfert, hat keine Angst, sich
die Hände schmutzig zu machen. Ob wir es wollen oder nicht, der Mensch
muss nicht nur die nötigen Qualifikationen besitzen, er muss sich
auch verkaufen können, kommunikativ sein und Führungsqualitäten
vorweisen. Gerade die darstellenden Künste, wie Gesang oder Schauspiel,
bieten einem Menschen die Möglichkeit, ein Bild von sich selbst zu
machen, seine Wirkung zu erfahren und sich effektiv zu präsentieren.
Musikalische und künstlerische Bildung fördert die Kreativität.
Diese kann helfen, Probleme zu lösen, sowohl als Bankangestellter,
Ingenieur als auch als Handwerker.
Die Geschichtsschreibung belegt: kreative Köpfe und künstlerische
Aktivität gehören oft zusammen. Dies sieht man am Beispiel von
Albert Einstein(Geige),dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt
(Orgel und Klavier) oder dem früheren USamerikanischen Präsident
Bill Clinton(Saxophon). Diese Korrelation findet mehrfach Bestätigung.
Das Ensemblespiel im Chor oder Orchester oder im Tanz führt zu einer
der wichtigsten Qualitäten in der heutigen Berufswelt, zu Teamfähigkeit.
In einer Welt, die durch Computer, Medien und Technologie, immer abstrakter
wird, bieten Kurse in Musik und Tanz eine ausgleichende Körpererfahrung.
Das Verschwinden der Großfamilie und des Gemeindelebens führt
dazu, dass der Mensch immer weniger Rückmeldung über seine Wirkung
auf Mitmenschen und auf die Umgebung erhält Durch das Mitwirken in
Ensembles und das Feedback, das man dort erhält, wird die Eigenwahrnehmung
geschärft. Außerdem ist das Hineinwachsen in einen Kulturkanon
für dessen Fortbestand und für die Kommunikation untereinander
von Bedeutung.
Und apropos Kultur. Ich bin vor 29 Jahren als USAmerikanerin in dieses
Land gekommen, weil es für mich und meine Sängerkollegen eine
Selbstverständlichkeit war, dass wir unsere Kunst nicht anspruchsvoll
ausüben konnten, ohne eine direkte Begegnung mit der deutschen Kultur
gemacht zu haben. Es wäre eine Tragödie, wenn man in diesem
Land die reichhaltige Kultur vernachlässigen würde. Und das
Interesse für Kultur kann auch durch Kurse geweckt werden.
Zahlreiche Studien belegen, dass die Beschäftigung mit Kunst und
Musik zum Aggressionsabbau, z.B. in Schulen und zur Steigerung des I.Q.s
führt. Aber was vielleicht noch essentieller ist: die Beschäftigung
mit Kunst und Musik bietet die Ausdrucksmöglichkeit des verbal nicht
Ausdrückbaren, welches speziell für Pubertierende als wichtiges
Ventil dienen kann.
Der Arnsberger Kunstsommer bietet eine Fülle von Kursen, auf allen
Levels, für den Anfänger zum Schnuppern, für den etwas
Fortgeschritteneren zur Vertiefung. Man hat hier die Möglichkeit
unter einem Dach vieles auszuprobieren und kennen zu lernen. Die Kunst
ist vor Ort: erreichbar und erschwinglich. Von absoluter Bedeutung ist
die Tatsache, dass die Kurse für Jedermann zugänglich sind.
Eine Erfahrung mit Kursen gemischten Levels und Altersstufen ist eine
Art Symbiose, die nach kurzer Zeit entsteht und als Multiplikator des
Lerneffekts wirkt. Auch ich stelle fest, dass meine eigene Kreativität
als Kursleiterin dadurch angeregt wird.
Weiter Vorteile: Die zeitliche Begrenzung führt zu einer Arbeitsintensität,
die in keiner anderen Unterrichtssituation möglich ist.
Auch der Spaßfaktor darf nicht vergessen werden.
Dann die Frage, ob solche Kurse etwas bringen, ob sich das lohnt?
Die Erfahrung, die man beim Arnsberger-Kunstsommer macht, ist unbezahlbar.
Wissen ist der einzige Rohstoff, der sich beim Gebrauch vermehrt. Natürlich
kann man innerhalb von 3 Tagen weder Sänger noch Ballerina werden.
Aber man setzt sich mit seinem eigenen Können auseinander und bekommt
dadurch neue Impulse für das weitere Leben.
Alle Sponsoren, die finanziell geholfen haben, diese Veranstaltung möglich
zu machen, wissen natürlich, dass sie kein „return on investment“,
den man in Euro und Cent messen kann, zu erwarten haben. Aber sie wissen,
dass keine Investition sich auf längere Sicht mehr lohnt, als die
in Bildung und Kultur.
Und dafür sage ich Vielen Dank.
Prof. Noelle Turner
Arnsberger Kunstsommer
Festhalle Arnsberg
17.August 2005
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