Vergleich
des Stimmgebrauchs in Pop, Musical und der klassischen Musik
Belcanto
am Broadway
Prof. Noelle Turner
28.09.2006
Donnerstag, 17:00-18:30 h
Workshop
Zu Beginn meiner Fortbildungsseminare spiele ich gerne eine Aufnahme von
Lou Reed, Perfect Day. Jede Phrase wird von einem anderen Sänger
gesungen, wie Lou Reed, Bono, Emilou Harris, Tom Jones, auch darunter
zwei Opernsänger. Insgesamt 18 Interpreten tragen zu dieser Aufnahme
bei. Jede Stimme ist individuell und die bekannteste unter ihnen, wie
Elton John, Tom Jones oder David Bowie erkennt man sofort. Pop, Soul,
klassischer Gesang, alles ist vertreten.
Mit diesem Lied haben wir ein Beispiel für die enorme Vielfalt der
menschlichen Stimme in der westlichen Kultur.
Die Stimme ist ein äußerst flexibles Organ. Durch ihre Beweglichkeit
ist sie in der Lage, zahlreiche Klangfarben zu produzieren. Der Kehlkopf
ist nicht in einer Position fest-geschraubt. Es gibt mehrere Möglichkeiten,
den Stimmapparat einzusetzen und für jede Klangmöglichkeit gibt
es eine optimale Technik. Keine bestimmte Klangfarbe ist gut oder schlecht
im Vergleich zu den anderen. Sie haben alle ihre Gültigkeit.
Allerdings in unserer Kultur definieren wir den Gesang in zwei Kategorien;
klassisch oder nicht klassisch. In den USA spricht man mittlerweile in
Bezug auf populären Gesang von CCM, Contemporary Commercial Music.
Ich finde diese Benennung ziemlich umständlich und habe nichts dagegen,
populäre Musik weiterhin als nicht klassisch zu bezeichnen. Man muss
aber zugeben, dass der Anteil der populären Musik überwiegt.
Wie erklärt man diese ungerechte Klassifizierung?
In den USA, dem Ursprungsland des Musical Theaters, war die Musik, die
vor 1920 am Broadway gespielt wurde, hauptsächlich klassisch. Die
Divas der Metropolitan Opera waren wie die Rock Stars von heute. Allerdings
gab es parallel dazu andere Gesangstile, wie Jazz, Blues und Volksmusik.
Aber die Musik für die breite Masse, die am Broadway gesungen wurde,
stammte aus der klassischen Tradition.
Durch den zunehmenden Einfluss des Schwarzen Gesangs, Irisch-Amerikanischen
Gesangs und Jüdischen Gesangs entwickelte sich ein neuer Gesangstil,
verkörpert durch Sänger wie Eddy Kantor, Irving Berlin und insbesondere
Al Jolsen.
Gleichzeitig spielte die Textverständlichkeit eine zunehmend wichtigere
Rolle und die Sprechstimme wurde stärker in die Singstimme integriert.
Da der Musical- und Pop-Gesang eindeutig vom Belcanto-Gesang abstammt,
bleibt die Frage, welche Aspekte des klassischen Gesangs finden sich im
populärem Gesang wieder und wo gehen diese Gesangtechniken auseinander?
Eine ganze Reihe von technischen Gesichtspunkten sind für beide Gesangstile
zutreffend.
Voraussetzung für jede Stimme ist eine gute Körperhaltung. Diese
hängt auch unmittelbar mit der Atmung zusammen. Dazu gehört
der Abbau von Verengungen, der Spannungs-aufbau, die Koordinierung von
Stimme und Körper, der Stimmlippenschluss, die Vokalbildung und der
Vokalausgleich und die Registertraining und Koordinierung.
Danach stellt man folgende Unterschiede fest, um die speziellen Klangfarben
zu erzeugen. Die Registerbehandlung im Musical- und Popbereich ist vielfältiger
als im Belcanto-Gesang. Abrupte Registersprünge (keine Brüche!)
sind oft erwünscht und keine Seltenheit. In der Klassik wird das
häufig als Stimmfehler bezeichnet. Für das klassische Gehör
ist es aber gewöhnungsbedürftig.
Der Stimmansatz im Musical- und Pop-Bereich ist variierter als im klassischen
Gesang. Ein klassischer Sänger setzt hauptsächlich mit dem simultanen,
also weich-elastischen Ansatz an. Allerdings ist es nicht möglich,
ohne die coup de glotte, also den Glottisschlag, in der deutschen Sprache
klar zu artikulieren. Im populären Gesang sind der simultane, wie
der Glottis- oder sogar der verhauchten Ansatz häufig anzutreffen.
Der verhauchte Ansatz schickt etwas Luft vor dem Ton voraus. Dieser ist
nicht mit einem fehlerhaften Stimmbandschluss zu verwechseln.
Der Kehlkopfposition ist in der Regel im Musical- und Pop-Gesang flexibler.
Man geht von einer neutralen Stellung aus, ähnlich wie beim Sprechen.
Diese Position verleiht dem Klang mehr Sprachqualität. Eine höhere
Kehlkopfposition stimmt die Stimme heller und penetranter. Je höher
der Kehlkopf, desto kürzer die Vokalräume und desto heller das
Timbre. Eine tiefe und zum Teil weite Kehlkopfstellung verleiht der Stimme
für Qualitäten, wie z.B. Blues, eine dunkle Klangfarbe.
Ein unentbehrliches Stilmittel ist Twang. Der Kehlkopf ist hoch, die Zunge
auch und der Kehldeckel leicht angezogen. Man trainiert diese besondere
Qualität, indem man sich eine Hexenstimme oder schimpfende Kinder
vorstellt. Mit der Übung kann man lernen, den Twang zu dosieren,
um die Klangfarbe und Tragfähigkeit der Stimme zu variieren.
Der Musical- und Pop-Sänger kann auch von der Belt-Stimme Gebrauch
machen. Dies ist die extremste Gesangsqualität, die wir in der westlichen
Welt kennen - auch im Vergleich zum klassischen Gesang. Belting stammt
ursprünglich von einer Naturfunktion ab, dem Rufen (yelling).
Es herrscht das weit verbreitete Missverständnis, dass Belting die
hochgezogene Bruststimme bedeutet. Belting benutzt zwar einen hohen Anteil
an Vollschwingung, wie in der Bruststimme, hat aber eine leicht abgeänderte
Kehlkopfstellung, um die Spannung in der höheren Tonlage zu erleichtern.
Alle Stimmen sind von sich aus flexibel und in der Lage, zahlreiche Klangfarben
mit gesunden Mitteln zu erzeugen. Man kann jede Qualität definieren
und gezielt trainieren. So bleibt die Stimme flexibel und elastisch. Natürlich
wird ein klassischer Sänger die für seine Musik passende Klangfarbe
bevorzugen und trainieren. Nicht jeder Sänger muss belten. Aber die
unterschiedlichen Techniken könnten sich gegenseitig befruchten.
Ich stelle immer wieder fest, dass beide Gesangstile miteinander mehr
Ähnlichkeiten als Unterschiede haben.
<
zurück
|