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Bel
Canto am Broadway
Prof. Noelle Turner
BDG Kongress, 10.April 2005
FolkwangHochschule, Neue Aula
Wir
Gesangspädagogen stehen momentan am Kreuzweg zwischen zwei musikalischen
Welten. Die eine Richtung ist die Herkömmliche, die Tradition von
der wir kommen, der klassische Gesang mit all seinen Strukturen und seiner
Geschichte. Die andere, ist die Alltags- und Pop-Kultur, in der die informelle
musikalische Erziehung unserer jungen Leute stattfindet. Selten in der
Geschichte sind diese beiden Wege so auseinander gedriftet wie heute.
Beide Welten existieren neben einander, beide haben ihre Qualitäten.
Jedoch ohne die Basis, die wir als klassisch ausgebildete Sänger
mitbringen, fehlt in der Gesangskunst ein ganz wesentliches stimmtechnisches
und musikalisches Fundament. Wir können aber nicht leugnen, dass
sich die moderne Welt, mit ihren Popsängern, Musicals und Sendungen
wie “Deutschland sucht den Superstar” erfolgreich behauptet.
Diese Erscheinungen sind aus unserer heutigen Kultur nicht mehr wegzudenken.
Beide Welten haben ihre Gültigkeit und ihre Berechtigung. Wir dürfen
auch den wirtschaftlichen Faktor der Pop- und Musical-Szene nicht außer
Acht lassen. Die Unterhaltungsbranche bietet immerhin vielen eine Beschäftigung.
Wenn man so will, geht es um Arbeitsplätze.
Wir haben jetzt die Chance, unsere Kenntnisse und Erfahrungen in die etwas
kommerzielleren Unterhaltungsszene einzubringen. Wir sollten die Möglichkeit
ergreifen, die Polarisierung zwischen “Klassikern” und Popularsängern
deutlich zu verringern.
Die herkömmliche Gesangspädagogik beschäftigt sich hauptsächlich
mit der Ausbildung der klassischen Stimme. Aber durch die wachsende Popularität
von Pop- und Musical-Gesang werden viele von uns mit einer anderen Gesangsart
konfrontiert.
Der heutige Gesangspädagoge müsste ein Mindestmass an Toleranz
für die unterschiedlichsten Gesangqualitäten aufbringen. Wenn
wir mit jungen Stimmen arbeiten wollen, haben wir die Aufgabe, uns mit
diesen neuen Genres auseinanderzusetzen und sogar anzuerkennen, welche
Leistung wirklich dahinter steckt.
Diese scheinbar gegensätzlichen Gesangsarten haben dennoch viele
Gemeinsamkeiten. Beide haben das gleiche Ziel; die Stimme als Ausdrucksmittel
einzusetzen.
Einige grundsätzliche Unterschiede gibt es trotzdem.
Im klassischen Gesang gilt der Schönheit der Stimme die höchste
Priorität. Der absolute Wohlklang auf jedem Ton wird erwartet. Im
Musical dient die Stimme dem Text, der Rolle und dem Stil. Das Stimmtimbre
wird als dramaturgisches Ausdrucksmittel eingesetzt, sogar unangenehme
oder “hässliche” Farben werden toleriert oder sind sogar
erwünscht, insofern sie der Sache dienen. Zusätzlich und vielleicht
noch wichtiger hat das Textverständnis höchste Priorität
und das schauspielerische Element gewinnt an Wichtigkeit gegenüber
der Schönheit der Stimme.
Noch ein wesentlicher Unterschied liegt in der enormen Spannbreite der
Fähigkeiten, die der Sänger bedienen muss; Pop, Rock, Jazz,
Belt, Legit(Sopran).
Die Musicals “Showboat”, “West Side Story”, “City
of Angels “ und “Rent “ zeigen die Spannbreite der Gesangsqualitäten,
die ein Musical-Darsteller kultivieren muss, um im Geschäft erfolgreich
zu sein.
Dazu kommt der gesprochene Text. Häufig mündet eine Textszene
in ein Lied. Dadurch nimmt die Singstimme die Qualität der Sprechstimme
etwas an, um eine homogene Einheit zu bilden. Die Qualität der Gesangsstimme
wird deutlich vom Sprechen abgeleitet, daher der typische Broadway-Sound.
Vom Darsteller wird auch eine gewisse rhythmische Flexibilität erwartet,
um den Text glaubhaft zu erzählen.
Zuallererst ist es ratsam, sich gezielt mit dem Repertoire vertraut zu
machen. An jeder Ecke im deutschsprachigen Raum spielt ein Musical, meistens
vor ausverkauften Häusern. Die Präsenz von Pop-Musik ist allgegenwärtig.
Das ist eben unsere Alltagskultur.
Aber woran soll man sich bei der technischen Stimmbildung orientieren?
Da unsere Nachbarn in Groß Britannien in Sachen Pop,Rock und Musical
längst weiter als wir sind, fahre ich mehrmals im Jahr nach London.
Für 29 Euro ist man innerhalb einer Stunde in Stanstead. Ein Tagesseminar,
eine Theatervorstellung und den Rückflug schafft man an einem Tag.
Das Thema der letzten Tagung der BVA im August 2004 an der Royal Academy
in London war Pop, Rock und Musical Gesang, unter anderem mit Demonstrationen
von den Stage Schools, Gymnasien mit Musik-Schwerpunkt, und eine hoch
interessante Vorstellung von den “Stage Coach” Schulen. Das
sind private Musikschulen, die in den Alterstufen 6-16, Vorbildung in
Musical anbieten. Die Stage Coach Schulen gibt es auch mittlerweile als
Franchise-Unternehmen bei uns in Deutschland.
Musical Gesang, insbesondere Belting, ist kompromisslos, extrem ehrlich,
wie wir im englischen sagen “in your face”. Viele bezweifeln,
ob es überhaupt möglich ist, diese intensive Gesangsart mit
einer gesunden Technik zu produzieren. Ich vermute, viele mögen ganz
einfach den Klang nicht. Wir dürfen Popular- Gesang nicht mit unseren
klassischen Maßstäben beurteilen. Wir können ruhig zugeben,
dass die menschliche Stimme in der Lage ist, verschiedene Klangfarben
mit gesunden Mitteln zu produzieren. Der Kehlkopf ist nicht im Hals festgenagelt.
Zunge, Ansatzrohr, aryepiglottischer Schließmuskel, Gaumen, u.s.w.,
alle Teile der Stimme sind äußerst flexibel. Und alle Gesangsarten
bergen Gefahren.
Allerdings muss man zugeben, dass man auf deutschsprachigen Bühnen
im Radio und auf CDs viel schlechten Gesang hört, nicht nur aber
auch im Pop-und Musical-Bereich. Ist es ein Wunder? Wer unterrichtet diese
Sänger? Wer ist wirklich kompetent, ihnen das zu vermitteln, was
sie brauchen?
Die Problematik liegt zum Teil im Zeitgeist, zum Teil am Repertoire. Die
Stimme braucht Zeit, um sich zu entwickeln. Aber wir erleben die “New
Economy” von Gesang: zu hoch, zu laut, zu schnell, zu viel. Es ist
heute leider sogar möglich ohne jegliche Vorbildung über Nacht
ein Star zu werden. Dazu kommt seit ca. Mitte der 60’r Jahre der
dubiose Trend, dass fast alle Männer im Pop und Musical Tenöre
sein müssen und viel Kraft von den Frauen verlangt wird, in einer
Lage, wo sie eigentlich keine haben. Das, gekoppelt mit den kommerziellen
Bedingungen (ein Musical spielt man eben 8-mal die Woche, Konzerte werden
eben schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht abgesagt) gibt den
Stimmen den Rest.
In dieser Präsentation möchte ich in Ansätzen erläutern,
wie eine technische Basis in der Stimme zu entwickeln ist, um den Strapazen
des heutigen Musical- und Pop-Repertoires standzuhalten. Mein eigenes
Training war rein klassisch aufgebaut und ich hatte auch viele falsche
Vorstellungen in Bezug auf Musical- und Pop-Gesang gelernt. Auf der Suche
nach einer geeigneten Methode habe ich festgestellt, dass man eine Belt-Qualität
produzieren kann, ohne die Stimme zu schwächen oder ihr zu schaden.
Man muss nicht unbedingt ein Pop-oder Musical-Sänger sein, um diese
Kompetenzen zu vermitteln, aber es ist vom Vorteil, wenn man diese Eigenschaften
versteht und mit der eigenen Stimme erfahren hat.
Die Meinungen der Experten für Musical- und Pop-Gesang sind zum Teil
so widersprüchlich wie die der Vertreter des Bel Canto. Aus 20 Jahren
Erfahrung in der Klassik wie im Musical, habe ich mir eine Methodik ausgearbeitet,
die auf der Grundlage von Bel Canto fundiert ist und flexibel genug ist,
um die neueren Klangfarben her zu geben.
Ich glaube, es ist nicht unbedingt sinnvoll, eine Stimme einseitig auszubilden.
Die Kunst des Gesangs besteht aus Differenzierung. Ich arbeite zunächst
mir einem Musical –Stimme nicht wesentlich anders als mit einem
klassischen Stimme. Die Basis ist die Gleiche. Übrigens stelle ich
immer wieder fest, dass Opernstimmen ebenso vom Musical- und Belt-Übungen
profitieren. Richtig trainiert wird diese Technik in den USA sogar als
therapeutisches Training für schlecht funktionierende Opernstimmen
eingesetzt, mit guten Ergebnissen.
Ich werde oft gefragt, was ich eigentlich unterrichte, klassisch oder
Musical. Meine Antwort ist ganz einfach – ich unterrichte Gesang.
Jeder Sänger benötigt eine solide Basis, gut entwickelte Register,
die in allen Tonlagen gut koordiniert sind, um sein Repertoire mühelos
umzusetzen. Die Grundbegriffe sind die gleichen.
Gesangstraining für mich heißt physiologische Voraussetzungen
schaffen, damit die Stimme umsetzen kann, was man von ihr verlangt.
Wie in jeder Form des Gesanges müssen Musical- und Pop-Sänger
lange trainieren, um die nötige Kraft , Ausdauer und Fähigkeiten
für diese beeindruckenden Fähigkeiten zu entwickeln. Hier gelten
die gleichen technische Gesetze wie im Bel Canto. Solides und vernünftiges
Training stellt sicher, dass unser Traum vom Broadway oder Popstar-Ruhm
nicht zu einem Albtraum wird.
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